Die Antwort

Eine persönliche Antwort auf den „Querfurter Brief“

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Querfurterinnen und Querfurter, liebe Verfasserinnen und Verfasser des „Querfurter Briefes“!

„Querfurt Miteinander“, was für ein schöner und wichtiger Gedanke! Wir sind eine Menschheitsfamilie die nur in einem „Miteinander“ überleben wird, und dieses „Miteinander“ beginnt im Kleinen, in der Familie, in unserer schönen Stadt Querfurt. Nur was im Kleinen gedeiht, kann auch im Großen werden, in unserer Parteienlandschaft, auf Länderebene, global und hinweg über die Grenzen von Arm und Reich.

Miteinander, das heißt für mich, den Mitmenschen zuzuhören, die eigenen Gedanken vorzubringen und gemeinsam nach einer Synthese oder zumindest nach einem Konsens zu suchen.

Das heißt immer auch, die eigene Meinung in Frage zu stellen, die Richtigkeit der anderen Meinung zuzulassen und vor allem, die  Ängste des Gegenüber zu respektieren.

Ein Geschenk kann man nicht einfordern. Angst kann man nicht verbieten, aber man kann ihre Ursachen durch aktive Mitgestaltung beseitigen.

Die Ängste der Menschen sind oft unterschiedlicher Art. Diese zu respektieren heißt, die Perspektive zu wechseln und mit den Augen meines Gegenübers auf den Sachverhalt zu blicken. Es heißt auch, meine Mitmenschen mit ihrer Angst zu akzeptieren, sie in ihrer Angst zu beschützen und ihre Angst nicht zu mehren. Ich verstehe Menschen, die große Angst vor einer COVID-19 Erkrankung haben und nach meiner ganz persönlichen Einschätzung liegen gerade bei Menschen der Risikogruppen triftige Gründe für solche Ängste vor. Respektvolles Handeln heißt deshalb für mich, dass ich alles tue, um meine Mitmenschen nicht zu gefährden, so lange es mich selbst nicht signifikant gefährdet. Vor diesem Hintergrund fahre ich jeden Wochentag zu einem Testzentrum, um sicherzustellen, dass ich keine gefährlichen Coronaviren verbreite. Man wird mich noch nie mit einer unter der Nase positionierten Maske gesehen haben und ich halte Abstand, gern auch mehr als gefordert. Ich halte mich an alle gesetzlichen Vorgaben, nicht aufgrund einer Furcht vor Sanktionen, sondern aus Respekt vor meinen Mitmenschen.

Wie gut, dass Impfstoffe entwickelt wurden. Sie bieten all denjenigen Schutz vor einer gefährlichen Krankheit, die nach Abwägung aller Vorteile und Risiken zu der Überzeugung gelangt sind, dass die Impfung ihrer persönlichen Gesundheit langfristig zuträglich ist. Ich verstehe aber auch Menschen, die Angst vor einer Impfung mit einem Wirkstoff haben, der derzeit nur auf Basis einer Notzulassung verwendet werden darf und ich respektiere deren Ängste. Was würde es für diese Menschen bedeuten, wenn Sie zukünftig nicht nur die Möglichkeit, sondern die Pflicht zur Impfung haben? Um das zu ermessen, macht es Sinn, auch hier die Perspektive zu wechseln. Wie würde es auf all diejenigen Mitmenschen wirken, die eine Impfung als Schlüssel ihrer Gesunderhaltung ansehen, wenn man öffentlich über ein Impfverbot diskutieren würde?

Wenn ich das RKI, die WHO und die EMA richtig verstehe, ist es schwierig, den mit Hilfe einer Impfung erlangten Schutz über das geimpfte Individuum hinaus, auf die gesamte Population auszudehnen. Die Impfung dient also vorwiegend dem eigenen Schutz.

Wäre es vor diesem Hintergrund nicht geboten, die spezifischen  Ängste aller Mitmenschen anzuerkennen? Sollten wir nicht jedem Menschen gestatten, die Vor- und Nachteile einer Impfung für sich selbst abzuwägen und auf dieser Basis für sich eine Entscheidung treffen zu dürfen? Hat nicht jeder Mensch andere physiologische Voraussetzungen und persönliche Risikofaktoren, die in die Beantwortung dieser Frage einfließen sollten?

Das Auftreten der aktuellen Coronaviren hat die gesellschaftlichen Realitäten und unser Zusammenleben verändert. Menschen reagieren von jeher unterschiedlich auf Veränderungen. Gruppen mit  ähnlicher Bewältigungsstrategie kooperieren, so dass sich Strömungen herausbilden.

Wenn bezüglich gesundheitlicher Fragen, auf die Keiner eine endgültige Antwort hat, unterschiedliche Meinungen und Lösungsansätze eine Stimme bekommen und respektiert werden, dann kann eine fruchtbare Diskussion entstehen. So wächst eine Basis für Lösungen, Verbundenheit und koordiniertes Handeln.

Demagogen und Populisten haben vor allem dann eine Chance, wenn die Bedürfnisse und Ängste einzelner Gruppen nicht berücksichtigt werden, wenn sich eine Gruppe über die andere stellt.

Sie, liebe Verfasserinnen und Autoren des „Querfurter Briefes“ haben die Gefahr extremistischer, radikaler und verfassungsfeindlicher Entwicklungen aus meiner persönlichen Einschätzung heraus zurecht thematisiert. Auch ich fürchte diese Entwicklungen und distanziere mich an dieser Stelle auf das Schärfste von Rechtsradikalismus und Antisemitismus.

Wir beobachten, dass viele Menschen in Ihrer Angst vor der Impfpflicht rechtsradikalen Protagonisten folgen, um eine Stimme zu bekommen. Der Appell, sich nicht in diese Gefolgschaft zu stellen, ist aus meiner Sicht richtig, aber keine ausreichende Antwort. Die Angst bleibt.

An wen sollen sich all die wenden, welche die persönlichen Risiken höher einschätzen, als den langfristigen Nutzen für die eigene Gesundheit. Welche Partei vertritt ihre Interessen?

Wenn wir nicht wollen, dass rechtsextreme und antisemitische Organisationen an Präsenz gewinnen, müssen wir auch dafür sorgen, dass Meinungen der einzelnen Strömungen Gehör und in der praktischen Politik Berücksichtigung finden. Das wäre eine Aufgabe für alle Parteien und Organisationen. Dies könnte zum Beispiel bei uns in Querfurt im Rahmen der Initiative „Querfurt-Miteinander“ durch Gesprächsrunden sowie die Veröffentlichung unterschiedlicher Positionen beginnen. Parteien, die sich einer aufrichtigen und ergebnisoffenen Diskussion stellen und die Ergebnisse dieser Diskussion in ihre Politik einfließen lassen, werden eventuell verloren gegangene Akzeptanz zurück gewinnen.

Die Basis der Demokratie ist der öffentliche Diskurs. Wenn dieser eingeschränkt ist, ist die Demokratie eingeschränkt. Die Erhaltung des öffentlichen Diskurses sind wir aus meiner Sicht all jenen schuldig, die an einer COVID-19 Erkrankung gestorben sind. Ich verneige mich in aufrichtigem Gedenken vor ihnen. Ich denke auch an alle Menschen, die aufgrund der Pandemie durch Hunger, durch fehlende medizinische Behandlung oder durch eigenen Entschluss aus dem Leben geschieden sind. Vergessen seien auch die Menschen nicht, welche an den Nebenwirkungen einer Impfung leiden oder gar verstorben sind.

Die Verfasserinnen und Verfasser des „Querfurter Briefes“ haben mit ihrer Stellungnahme den ersten, wichtigen Schritt zu einem fruchtbaren Meinungsaustausch gemacht. Dafür gebührt ihnen Dank.

Stärken wir unsere Demokratie:

• indem wir gemeinsam über unsere Zukunft nachdenken und diskutieren

• indem wir unsere Zukunft in allen Bereichen des Lebens mitgestalten – es reicht nicht, alle 4 Jahre zur Wahl zu gehen

• indem wir für die eigenen Überzeugungen auf die Straße gehen und demonstrieren

• indem wir gegenteilige Überzeugungen anhören und respektieren.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und bitte um Verständnis dafür, dass es mir nicht gelungen ist, einen so komplexen Sachverhalt kürzer und prägnanter zu formulieren.

Der Brief ist in der „Ich-Form“ verfasst, weil auch ich meine Meinung im Sinne eines demokratischen Diskurses vorbringen, aber auf keinen Fall über andere stellen möchte.

Hochachtungsvoll,
Siegbert Winkler